Strafe absitzen oder Trauma Arbeit? – ein Projekt in der Justizvollzugsanstalt“

Strafe absitzen oder Trauma Arbeit? – ein Projekt in der Justizvollzugsanstalt“

By am Mrz 21, 2020 in Aktuelles | 0 comments

Werden Straftäter aus Schaden klug?

Was denken wir über Menschen, die Straftaten begehen? Machen wir einen Unterschied zwischen Taschendieben und Gewalttätern? Wir lesen davon in den Medien und, je nach Delikt, bewerten wir die Straftat oder haken das Ganze an. Wir sind ja nicht direkt betroffen. Auch ich habe mir bisher keine großen Gedanken dazu gemacht, bis ich vor einigen Monaten die Gelegenheit erhielt, in einer Justizvollzugsanstalt zu hospitieren. Eine Kollegin arbeitet dort mit straffällig gewordenen Männern. Mit der Methode des Psychodramas und einem Anti Aggressionstraining (AAT) rekonstruiert sie mit einer kleinen Gruppe von Freiwilligen deren begangene Straftaten und lässt sie in die Rolle ihrer Opfer schlüpfen.

Die Ergebnisse sind verblüffend und bewirken, dass die Straftäter, nachdem sie erleben, wie sie sich selber als Opfer fühlen, die Auswirkungen ihrer Taten am eigenen Leib erfahren. Diese Form der Täterarbeit dient dem Opferschutz. Gemeint ist der Schutz möglicher künftiger Opfer. Nachdem die Kollegin durch meine Arbeit die Identitätsorientierte Psychotrauma Therapie, kennen lernte, fragte sie mich, ob ich mit ihr zusammen an einem Projekt mitwirken wolle.
Die Kombination unser beider Arbeit könne für die Strafgefangenen eine enorme Hilfe sein, da die meisten von ihnen grauenhaft gewaltvolle Erfahrungen in den Familien gemacht haben. Für mich war schnell klar, dass ich das neue Feld betreten würde.

Doch dazu musste ich ins Gefängnis gehen. Es ist ein schönes Gebäude im Jugendstil. Ohne Stacheldrahtzäune würde man nicht vermuten, dass es sich um ein Gefängnis handelt. Doch die Atmosphäre im Inneren des Bauwerks ist bedrückend. Jede Tür durch die wir gehen, wird aufgeschlossen und sofort wieder zugeschlossen, die vergitterten Fenster erzeugen Beklemmung. Über den Treppenaufgängen sind große Netze wie in einem Hochseilgarten gespannt und dienen als Schutz vor Selbstmordkandidaten. Die Flure vor den Zellen sind grell beleuchtet. Männer warten vor fest installierten Telefonen oder stehen in kleinen Gruppen zusammen. Die Kollegin stellt mich den Betreuern vor und dann betreten wir gemeinsam den Raum, wo die Gruppe sich seit fast einem Jahr einmal in der Woche trifft.

Die ersten Männer, die hereinkommen, albern herum, begrüßen die Betreuer und mich. Intuitiv halte ich die Hände der Männer einen Moment lang fest, als ich spüre, wie sie sich verlegen entziehen wollen. Niemand von ihnen hat einen festen Händedruck. Sie blicken verdutzt auf. Es sind überwiegend junge Männer zwischen zwanzig und dreißig Jahren. Niemand von ihnen sieht wie ein Gewaltverbrecher aus. Einige wirken schüchtern und gehemmt, andere unbeholfen oder flapsig. Tatsächlich haben alle anwesenden Männer frühe Gewalterfahrungen innerhalb der eigenen Familie erlebt. Dabei handelte es sich nicht nur um Prügel, sondern überwiegend um schwere Misshandlungen oder Foltererfahrungen.

Von meiner Kollegin erfuhr ich vorab, dass einem von ihnen als fünfjähriges Kind die Hoden angezündet wurden und ein anderer als Dreijähriger von seinem Vater auf eine heiße Herdplatte gesetzt wurde … als sie mir das erzählte, drehte sich mir vor Schmerz der Magen um. Und fast gleichzeitig spürte ich in mir Wut auf diese grausamen Väter und hätte sie am liebsten denselben Qualen ausgesetzt. So schnell wurde also auch ich in Gedanken zur Täterin. Aus therapeutischer Sicht vermute ich, dass diese Väter ebenfalls Opfer früher Gewalttaten waren.

Doch reicht dieses Wissen, um wirklich zu begreifen? Geht es nicht darum, bewusst wahr zunehmen, wie rasch auch ich geneigt war – wenn auch nur in Gedanken – mich in eine Opfer Täter Dynamik zu verwickeln? Wie blitzartig diese Reflexe auch bei mir aufloderten?

Während der Zeit meiner Hospitation zeigte sich, wie ähnlich die familiären Hintergründe waren. Die meisten Väter und Mütter der Straffälligen kamen aus patriarchalisch geprägten Strukturen, in denen harte Bestrafung an der Tagesordnung war. Es gab strenge Regeln, die befolgt werden mussten, bei Nichtbefolgen wurden sie von ihren Vätern aus dem familiären Kreis ausgeschlossen oder ausgestoßen. Die Mütter schwiegen, auch wenn sie darunter litten, dass ihre Söhne sich mit kriminellen Handlungen durchschlugen.

Andere kamen aus verwahrlosten und emotional missbräuchlichen Familienverhältnissen. Viele schlossen sich vor der Pubertät kriminellen Cliquen an. Männer mit Migrantenhintergrund erlebten oft schon als Kind grausame Flucht-und Foltererfahrungen. Allen gemein war, dass die straffällig gewordenen Männer wenig bis keinen Zusammenhang zu ihrem biografischen Hintergrund und ihren begangenen Taten herstellen konnten. Allerdings wollten sie sich in den Griff bekommen und keine Gewalt mehr ausüben, deshalb nahmen sie an dem Training teil.

Da ich eingeladen war, etwas aus meiner traumatherapeutischen Arbeit zur Verfügung zu stellen, fragte ich in die Runde, welches Anliegen jeder hätte, um aus der Gewaltspirale herauszukommen. Einige von ihnen erklärten, dass sie als Väter ihren Kindern ein besseres Vorbild sein wollten, andere wollten ihre Schuldgefühle loswerden und sich ihren Gefühlen stellen. Manche sprachen von einem Blackout während der Tat. Um zu verdeutlichen, wie ein Anti Aggressions Training abläuft, will ich exemplarisch aufzeigen, was vor sich geht. Es beginnt üblicherweise damit, dass der sogenannte heiße Stuhl in die Mitte gestellt wird. Das Verfahren ist den Männern bekannt und sehr unangenehm.

Einige feixen, andere starren auf den Boden. Einer wackelt nervös mit den Beinen und knetet verkrampft seine tätowierten Hände. Er weiß, dass er dran ist und setzt sich auf den Stuhl. Ich nenne ihn Leon. Er ist 23 Jahre alt. Als er auf dem Stuhl sitzt, beginnt so etwas wie ein Verhör. Es fällt mir schwer, das auszuhalten, weil es aus traumatherapeutischer Sicht ein Gewaltakt ist, dem sich der Gefangene nicht entziehen kann. Er wird zu seinen Taten mit Fragen bombardiert, bevor er von seinen Betreuern nach seinen Stärken und Schwächen befragt wird, damit er lernt, sich selber einzuschätzen. Leon ist kaum in der Lage auszudrücken, was er fühlt und grinst hilflos. Das wird von einigen Betreuern kritisiert und sie fordern ihn auf, das zu unterlassen. Genau das ist Leon nicht möglich, weil das vermeintliche Grinsen dem Spannungsabbau seiner Bedrängnis dient. Einige Männer kichern und zappeln dabei auf den Stühlen herum.

Die Gruppe wird aufgefordert, Leon einzuschätzen. Sofort werden sie ernst. Einige der Insassen geben differenzierte und psychologisch saubere Einschätzungen ab, ohne in die Bewertungsfalle zu geraten. Andere schweigen ratlos. Was Leon vorgeworfen wird, soll er kommentieren. Er schüttelt den Kopf und meint, dass er nicht allein schuld sei. Es geht um einen achtjährigen Jungen, der von seinem Hund angefallen wurde. Leon trat nach dem Jungen und beschimpfte ihn, obwohl dieser schon verletzt am Boden lag.

Die Tat soll im Detail rekonstruiert werden. Ein Teilnehmer der Gruppe stellt sich zur Verfügung, legt sich auf den Boden und gibt Leon zu verstehen, wie hilflos er sich fühlt. Leon schaut betreten weg. Es ist nicht seine erste Tat. Es begann, als er zwölf war, da wollte er Gangster zu werden. Die Gruppe will wissen, warum. Leon zuckt mit den Schultern und schweigt. Meine Kollegin fragt ihn nach seiner familiären Herkunft, doch er zuckt erneut mit den Schultern. Ich werde gebeten, dazu zu kommen und stelle mich neben Leon, lege ihm sacht die Hand auf seine Schulter und frage, ob er wüsste, was seine Eltern erlebt hätten, bevor er geboren wurde.

Er wendet den Kopf von mir weg und beginnt nach einer Weile monoton und abgehackt zu sprechen: die Eltern sind aus syrischem Kriegsgebiet geflohen und ins Gefängnis gekommen. Dort wurden sie gefoltert. Die Mutter mit Stromschlägen. Dabei sei ihr ungeborenes Kind gestorben. Der Vater sei mit Ratten in einer Grube gefangen gehalten worden. Es war allen streng verboten, über die Vergangenheit zu reden. Sein Vater sei ein in sich gekehrter Mensch, der ihn als Kind oft grundlos getreten habe. In die Schule ging er gerne, doch irgendwann sind die Noten immer schlechter geworden. In Deutschland baute sein Vater eine kleine Firma auf und er durfte mithelfen. Später warf ihn der Vater aus der Firma. Die Mutter ist heute schwer krank und betet für ihn. Meine Kollegin bittet zwei Männer aus der Gruppe, sich neben Leon zu stellen und die Flucht der Eltern zu verkörpern.

Mit gebeugten Rücken entfernen sie sich von Leon und es zeigt sich, dass der Vater sich schämt, weil Leon im Gefängnis ist. Bis dahin hatte der Vater versucht, die Taten von Leon durch Zahlungen an die Opfer wieder gut zu machen. Es ist mucksmäuschenstill im Raum. Leon schaut betrübt auf und sagt, dass es ihm leid tut, seinen Vater enttäuscht zu haben. Ich frage ihn, ob er fühlen kann, worunter er selbst in seiner Kindheit gelitten habe? Nach einigem Zögern flüstert er kaum hörbar, dass er seinem Vater kein guter Sohn war. Es wird deutlich, wie mächtig die Loyalität des Sohnes zu seinem Vater noch ist. Das verbietet ihm zu fühlen, worunter er selbst gelitten hat.

Erst wenn das geschieht, wird es möglich für ihn, zu erkennen, dass die unverarbeiteten Folter-und Gefängniserfahrungen des Vaters in einem Zusammenhang zu Leons Gewaltbereitschaft stehen. Die Männer werden aus den Rollen entlassen, setzen sich in die Runde und geben Feedback. Leon hört beschämt zu, als die Gruppenmitglieder ihm mitteilen, dass sie einerseits verstehen können, dass er unter Schock gestanden habe, als der Hund das Kind angriff, sie es aber zutiefst verurteilen, dass er sich nicht um das Kind gekümmert hat. Leon sinkt in sich zusammen. Zugleich ermutigen und bestärken sie ihn, sich seiner Schuld zu stellen. Sie benützen Begriffe wie Würde, Reue und Buße. Nur einer der Anwesenden hält das nicht aus und hackt auf Leon herum. Die Betreuer unterbrechen ihn. Danach kann sich jeder zur Familiengeschichte äußern.

Die meisten der Männer teilen mit Leon die Erfahrung, dass sie ihren Vätern keine guten Söhne waren und nicht wüssten, was mit ihren Vätern eigentlich los war. Sie sind froh, etwas mehr aus ihrer Herkunftsgeschichte zu erfahren und glauben, dass es wichtig sei, damit sie lernen in Konflikten anders zu handeln. Ich teile der Gruppe meinen Respekt für ihre mitfühlende Haltung zu Leon und sich selbst gegenüber mit. Als die Männer sich verabschieden schaue ich mir die Gesichter an, niemand ist verhärtet oder abwehrend, einige haben einen weichen oder klaren Gesichtsausdruck und ihre Hände entziehen sich den meinen nicht.

Es ist ihnen anzumerken, dass sie berührt sind von dem, was sie gerade erlebt haben. Einige bedanken sich für die Möglichkeiten, die ihnen durch diese Arbeit zur Verfügung steht. Leon kommt als Letzter und hält mir seine Hand hin. Er hat Tränen in den Augen. Beim Hinausgehen wird er von zwei seiner Mitinsassen in den Arm genommen.

Jeder dieser Männer will in die Freiheit entlassen werden. Wie die sich anfühlt, ohne erneut Straftaten zu begehen, müssen sie mühsam lernen. Ob es ihnen dauerhaft gelingt, ihre Reaktionsmuster umzuwandeln, hängt auch davon ab, wie man ihnen hier im Gefängnis als Mensch begegnet und sie nicht nur auf ihre Straftaten reduziert. Sicher ist es nicht der Aufenthalt im Gefängnis, der sie zu besseren Menschen machen wird. Doch in dem Training bekommen sie etwas, was sie vielleicht noch nie kennen gelernt haben: Dass man ihnen dabei hilft, sich selbst zu mögen und genügend Möglichkeiten anbietet, ihre ungenutzten Fähigkeiten zu entfalten. Sich ihren Taten mutig zu stellen, sich in andere hineinzuversetzen, Gefühle zu benennen und zuzulassen, das ist neu für sie.

Die Männer bereuen ihre Taten und ich freue mich – wenigstens für diesen kurzen Zeitraum – beteiligt zu sein, dass Verarbeitung stattfinden kann, weil dies die beste Prävention ist, um weitere Taten zu verhindern. Noch sind es lange Wege, die zu gehen sind und es wird dauern, bis die Männer sich selbst in ihren frühen Opfererfahrungen annehmen können. Doch der Anfang ist gemacht. Diese für mich außergewöhnliche Arbeit hat zutiefst Menschliches zutage gefördert und ist der Schlüssel zu einer vorurteilsfreien Begegnung mit ihnen geworden.

Zum Abschluss möchte ich anmerken, dass nicht alle Menschen mit traumatischen Gewalterfahrungen zu Straftätern werden. Schwer traumatisierte Menschen können Suizid begehen, Süchte oder Depressionen entwickeln, um nur einige Folgen zu nennen. Es ist auch eher selten, dass Straftäter traumatherapeutische Aufarbeitung erhalten, zumal es eine freiwillige Teilnahme voraussetzt und es kaum Betreuer gibt, die speziell dazu ausgebildet sind. Die meisten Straftäter lehnen schon eine psychologische Begleitung ab, weil sie sich dadurch stigmatisiert fühlen.

Mir hat dieses Projekt gezeigt, dass „Straftäter“, die unser Angebot aus eigenem Antrieb genutzt haben, aus Schaden klug werden können, wenn sie fühlen, welchen Schaden sie selbst erlitten haben. Um aus der Opfer Täter Spirale aussteigen zu können, braucht es das fühlende Erleben zwischen der eigenen Opfererfahrung, die sie später zu Tätern gemacht hat und der Erkenntnis, dass sie durch jede weitere Gewalttat, sich selber traumatisieren. Meines Erachtens braucht es vor allen hier ein vertieftes Verständnis der menschlichen Psyche, ein gründliches Durcharbeiten der Biografie und das Wissen um frühe Traumatisierungen, damit wir die sozialen Spaltungen überwinden können.

Für mich persönlich war die vertrauensvolle Begegnung innerhalb der Arbeit die Voraussetzung, dass jeder sich selbst begegnen konnten und keine Abwehrmechanismen nötig waren.

Infos zum Projekt: Ideenschmiede

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